Der Wanderungssaldo gegenüber dem Ausland hat im Januar 2026 mit rund 9.000 Personen den niedrigsten Januar-Wert seit 16 Jahren erreicht. Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr speist sich aus zwei Quellen — weniger Zuzüge und mehr Wegzüge. Letzteres ist ein neues Muster und verdient genauere Beobachtung.
Die Bewegung im Januar — und was dahinter stehen könnte
Seit dem Höchststand aus dem Jahr 2022 und dem immer noch sehr hohen Wanderungsüberschuss im Jahr 2023 sind die Wanderungsgewinne von Deutschland mit dem Ausland stetig zurückgegangen. Im Jahr 2025 waren die Wanderungsgewinne nur noch minimal über dem Niveau aus dem Corona-Jahr 2020, bei gleichzeitigem Sterbeüberschüssen führte das zu einer Bevölkerungsschrumpfung.
Quelle: empirica regio (Wanderungsstatistik) empirica
Der erste Datenpunkt aus dem Jahr 2026 zeigt, dass wohl keine Besserung in Sicht ist. Bei den Zuzügen setzt sich der bekannte Rückgang fort: Mit rund 111.000 Personen liegen sie rund 14.000 unter dem Vorjahres-Januar (125.000). Die anhaltende konjunkturelle Schwäche bremst Neueinstellungen — und damit die arbeitsmarktorientierte Zuwanderung. Wer nicht eingestellt wird, kommt nicht. Hinzu dürfte eine nachlassende fluchtbedingte Zuwanderung kommen: Im Januar 2025 lagen die Asylerstanträge — insbesondere aus Syrien, kurz nach Ende des dortigen Bürgerkriegs 2024 — noch vergleichsweise hoch und stützten die Zuzugszahlen. Bereits im Gesamtjahr 2025 ging rund die Hälfte des Saldo-Rückgangs auf rückläufige Asylanträge zurück. Je weiter sich das Jahr 2026 von dieser Sonderkonstellation entfernt, desto stärker dürfte der konjunkturelle Faktor allein die Zuzüge prägen.
Bei den Wegzügen zeigt sich ein neues Bild. Mit rund 102.000 Personen liegen sie fast 10.000 über dem Vorjahres-Januar. Dies signalisiert, dass nicht nur weniger Menschen nach Deutschland kommen — sondern dass auch mehr wieder gehen. Wer hier ist und beruflich keine Perspektive mehr findet, sucht sie offenbar zunehmend anderswo.
Drei Wirkungsstränge, falls der Trend hält
Eine Schwalbe macht keinen Sommer — und ein Januar keine Trendwende. Aber im demografischen Winter, in dem Deutschland längst steht, sollte man jeden Frosttag ernst nehmen. Denn sollte sich dieses Muster weiter fortsetzen, hätte das vielfältige Folgen:
- Sozialsysteme. Sinkende Wanderungsgewinne bedeuten weniger Beitragszahlende bei zugleich wachsendem Renten- und Pflegebedarf der älteren Bevölkerung.
- Arbeitsmarkt. Genau die Zuwanderung, die Wirtschaft und Sozialversicherung langfristig brauchen — qualifizierte arbeitsmarktorientierte Zuwanderung — schwächelt. Der Fachkräftemangel verschärft sich entsprechend – auch wenn Automatisierung und Künstliche Intelligenz hier entschärfend wirken und zunehmend auch für die schlechte Wanderungsbilanz verantwortlich sein dürften.
- Wohnungsmarkt. Ausländische Zuziehende stellen einen erheblichen Teil der Neunachfrage auf dem Wohnungsmarkt. Bleibt diese Nachfrage aus, könnte sich der Markt abkühlen. Das gilt insbesondere für Großstädten, die in der Binnenwanderung und durch Suburbanisierung längst Bevölkerung verlieren.
Datenbasis
Die Werte stammen aus der monatlichen Wanderungsstatistik der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Diese kann auch über empirica regio abgerufen werden. Erfasst werden die Zu- und Fortzüge über die Grenzen Deutschlands.